(Originalton einer Schülerin, die 2006 in der KJP in Bayreuth war)
"Als meine Mutter vor 3 Jahren starb, hatte ich fast keine Freunde, weil ich mich, als sie noch lebte, viel um sie kümmern musste. Ich war sehr depressiv und hab nur zu Hause vor dem Computer gesessen. Eine damalige Klassenkameradin von mir war tierisch in einen Kerl aus meiner Stadt verliebt und bat mich, mit auf das Wiesenfest zu gehen, was bei uns war. Sie wollte nicht alleine auf dem Fest rum stehen und da war ich grad gut genug, um mit zu gehen. Ich konnte sie nie besonders gut leiden, aber ich fand es mal wieder schön, unter Leuten zu sein. Wir gingen auch in die Stammkneipe von dem Schwarm meiner „Freundin“ und dort haben wir uns wöchentlich zugesoffen. Leider waren diese Leute in der Kneipe, einschließlich des "Schwarms", rechtsradikal.
Ich fand die Männer dort so faszinierend. Sie waren so stark und konnten sich durchsetzen. Ich fühlte mich in ihrer Gegenwart immer beschützt und wohl. Mir war damals nicht klar, wie gefährlich und dumm es ist, sich mit diesen Leuten abzugeben, aber ich hatte sowas wie Freunde und ich war nicht allein, also war es mir egal und ich nahm jegliche Kritik meiner Familie in Kauf. Bald war ich richtig tief in der Szene drin. Ich trug Springerstiefel, Poloshirts mit der Aufschrift „Arisch“ und rasierte mir den Hinterkopf (wie es sich für ein Skingirl gehört). Sie hatten mich richtig in ihre Ideologie mit reingezogen und ich war mit auf Demonstrationen und bei jeder Schlägerei mit Hip Hoppern und Ausländern dabei. Mir wurde bei solchen Aktionen schon das Jochbein oder die Hand gebrochen. Es war immer so ein Art Adrenalinschub, den ich mir holte, wenn ich Leute beschimpfen oder auf sie einschlagen konnte. Ich fühlte mich so richtig stark. Nicht so schwach wie sonst. Ich hatte eine gewisse Macht. Ich wusste, mir würden die anderen bei Schlägereien immer helfen. Ich beschimpfte die Polizei und wurde auch manchmal festgenommen und kontrolliert. Ich fand es einfach toll, so extrem zu sein und mir war es in gewisser Weise egal, hinter welcher Meinung die Leute und automatisch auch ich stand. Ich redete und machte einfach alles nach. Im Hinterkopf war mir schon bewusst, wie blöd diese Leute sind und welche kriminelle Meinung sie hatten, aber ich wollte meine „Freunde“ nicht verlieren. Sie waren die einzigen, die ich hatte.
Ich hatte viele persönliche Probleme und musste zu einem Psychologen. Ich hatte so wahnsinnige Angst, dass die Leute das erfahren würden, denn Psychologen sind in der Szene nicht gerade beliebt. Leider konnte mir der Psychologe nicht helfen und ich musste ins BKH nach Bayreuth. Ich hab mein Handy einfach ausgemacht und es nur den engsten Vertrauten gesagt, wo ich bin. Den anderen hab ich erzählt, ich sei im Urlaub.
In der Klinik lernte ich viele unterschiedliche Menschen kennen. Menschen aus anderen Ländern, Menschen mit unterschiedlichen Einstellungen und natürlich auch welche, die gegen den Rechtsradikalismus sind. Ich merkte, dass all diese Leute 10mal sympathischer waren, als die Idioten aus meiner Stadt. Man konnte sich so gut mit ihnen unterhalten und es war mir auch völlig egal, welcher Abstammung oder Meinung sie sind. Seit meiner Entscheidung in die Klinik zu gehen, habe ich mit den Neonazis nichts mehr am Hut und bin darüber auch wahnsinnig froh. Ich habe einfach gemerkt, dass viel mehr in mir steckt, als draufhauen und aufzufallen.
Meine Entscheidung war richtig und ich rate allen, die in so einer Szene stecken, sich dringendst von diesen Leuten fern zu halten, denn sie machen einen nur kaputt. 2 Jahre meiner Jugend hab ich an diese dummen Menschen verloren, darüber bin ich sehr traurig, aber ich möchte das alles aufholen und das kann ich nur, wenn ich selbst entscheide, was ich tu und es mir nicht von solchen Idioten vorschreiben lasse."