Gedanken (und gute Wünsche) einer Krankenhauslehrerin

anlässlich der Entlassung eines Schülers aus der Klinik nach 10-monatiger Therapie

Lieber ...... !

Morgen ist es soweit! Darauf haben wir 10 Monate hingearbeitet: Du gehst morgen wieder zurück in deine Stammklasse. Ganz zappelig warst du heute bei unserer letzten Unterrichtsstunde vor lauter Vorfreude. Das kann ich verstehen, denn auch ich bin aufgeregt. Wie wirst du von deinen Mitschülern wieder aufgenommen werden? Wirst du im Unterricht gut mitkommen, so dass er dir Freude macht, wirst du Erfolgserlebnisse haben und Misserfolge gut wegstecken können?

10 Monate Krankenhausaufenthalt waren eine lange Zeit und für dich eine sehr schwere Zeit. Als ich das erste Mal an dein Krankenbett kam, hast du dich gefreut. Ich bedeutete für dich zunächst ein Stück Abwechslung in dem Tagesablauf, der von vielen medizinischen und auch schmerzhaften Maßnahmen geprägt war.

Am Anfang unserer gemeinsamen "Schulzeit" hattest du das Ziel, in deine Stammklasse zurückzukehren. Dieses Ziel zu erreichen, war aber nicht immer leicht. Manchmal ging es dir so schlecht, dass kein noch so schönes Lernspiel, kein motivierendes Arbeitsblatt und nicht einmal der Computer halfen. Dann wolltest du mich nicht als Lehrerin am Bett, sondern nur als Mensch, der mitfühlt. So einfach war das. Da wurde mir besonders deutlich klar, welche Kraft du brauchtest, um die Therapie durchzustehen, und dass schulische Ziele dem unterzuordnen sind.

Einmal meintest du : "Ich freue mich ja, wenn du kommst, aber heute mag ich kein Deutsch und Mathe machen." Das konnte ich verstehen. Ich versuchte den Unterricht von deinen Interessen leiten zu lassen und dich dadurch zu motivieren. Sobald es dir besser ging, gelang das auch. Dann konntest du mich mit deinem Humor und deinen kleinen Tricks sogar zum Lachen bringen, du Schlingel! Überhaupt haben wir viel miteinander gelacht.

Vor ein paar Tagen hast du mir auch gestanden, dass du dich einmal, ein einziges Mal schlafend gestellt hast, um keinen Unterricht zu bekommen. Meine Hochachtung, dass es nur einmal war. Viel Spaß machte uns der Unterricht, seit vor einigen Wochen das Ende der Therapie näherrückte. Jetzt hatten wir wieder ein greifbares Ziel vor Augen. Du entwickeltes ungeheuren Lerneifer, machtest fleißig Hausaufgaben und schriebst sogar Probearbeiten aus deiner Stammklasse. Die Erfolge machten dich zuversichtlich, du merktest, dass du ganz gut mithalten kannst. Das hat dir Aufschwung gegeben und gezeigt, dass du doch vieles dazugelernt hast und im Krankenhaus fast unbemerkt ein "richtiger" Drittklässler geworden bist.

Eine große Hilfe war die Zusammenarbeit mit den Menschen, die für dich gesorgt haben: Deine Mutter, die nie ehrgeizig drängte, die Erzieherin, die schon vor dem Unterricht deine jeweilige Gemütslage erklärte, die Schwestern und Pfleger, die so viel Interesse am Unterricht zeigten, dass sie dir auch mal kleine Hilfestellungen bei den Hausaufgaben gaben und die Ärzte, die dir bei der Visite über die Schulter ins Heft schauten und auch sonst sehr an deinen schulischen Erfolgen teilnahmen. Zwei aus diesem Team begleiten uns morgen bei deiner Rückkehr in die Klasse. Du sollst einen guten Start haben und deshalb wollen wir die Fragen klären, die deine Kameraden nach deinem so langen Krankenhausaufenthalt stellen. Wir haben für sie extra ein Video gedreht, das ihnen zeigt, wie du in dieser Zeit gelebt und überlebt hast.

Morgen ist es so weit !

lch wünsche dir für diesen wichtigen Neuanfang Freude, Freunde, Erfolg und Gesundheit.

Deine Krankenhauslehrerin