"Guten Morgen, Kathrin, wie gehts?" Oh, nein, schon wieder 8 Uhr! Ausgerechnet heute könnte ich länger schlafen, nachdem ich nachts trotz großer Müdigkeit hellwach gelegen hatte. Damit ich munter werde, wasche ich mir das Gesicht mit eiskaltem Wasser. Jetzt kann ich auch das Frühstückstablett erkennen. Es sieht gut aus, aber mir ist momentan gar nicht nach Frühstück. Wenigstens ein Brötchen mit Käse probiere ich zu essen und spüle mit einem großen Schluck Milchkaffe nach. Es warten nämlich noch die Tabletten und die Lösung zum Mundspülen auf mich. Besondere Freude bereitet es mir auch, die große, gelbe Tablette zu lutschen, die sich so lange im Mund hält, bis fast schon wieder die nächste kommt. In der Schleuse rumpelts und pumpelts, die Laborantin kommt mit ihrem Tablett voller Blutgläschen, Tupfer und mit den Softclicks. Kaum hat die Laborantin mit dem wertvollen Blut mein Zimmer verlassen, stürzt schon die Schwester mit Waage, Blutdruckmanschette, Fieberthermometer und anderen Utensilien herein: Ich werde vermessen und gewogen. Nach diesem Ansturm gönne ich mir ein kleines Päuschen, bevor Frau Wiedenmann meine grauen Zellen in Deutsch und Englisch auf Vordermann bringt. Zur Zeit lesen wir englische Krimis. Das macht viel Spaß, weil wir gemeinsam mit dem Detektiv auf Indiziensuche gehen und von Stunde zu Stunde raten, wer der Mörder sein könnte. Wir werden immer besser. Während unserer Recherchen unterstützt uns manchmal Frau Engelhardt, die es schafft, gleichzeitig das Zimmer blitzblank zu putzen und einen treffenden deutschen Begriff für ein Fremdwort zu finden. In unserem Übereifer haben wir doch tatsächlich die Zeit vergessen, es ist ja schon viertel zehn. Nach so viel Kopfarbeit will ich auch meine Muskeln stärken. Dabei steht mir eine Krankengymnastik-Schülerin mit Rat und Tat zur Seite, die mir zeigt, wie man trotz des vielen Liegens verhindern kann, dass mein Körper völlig abbaut. Heute geben sich KG und Masseurin die Klinke in die Hand. Jetzt folgt eine halbe Stunde Erholung pur. Die Massage und Gespräche entspannen mich so, dass ich ganz müde werde und eigentlich bis zum Mittagessen durchschlafen könnte, wenn mich nicht Frau Dr. Hartmann mit einer der freundlichen Schwestern durch den "Systemwechsel" wieder hellwach machen würde. Dabei wird meine alte Infusionsleitung durch eine neue ersetzt und an den Venenkatheder angeschlossen. Dr. Hartmann überbringt auch die freudige Nachricht, dass meine Blutwerte gut genug sind, um mit der Chemo weitermachen zu können. Da schmeckt das Mittagessen gleich viel besser, noch dazu gibt es Kartoffeln mit Quark - und als "Dessert" Tabletten.
Bis halb eins kann ich mich noch etwas entspannen, bevor ich ein weiteres Mal ein Konditionstraining mit der Krankengymnastin mache. "Du wirst mich morgen nicht ins Zimmer lassen, bei dem Muskelkater, den du haben wirst", schmunzelt sie, bevor sie geht. Jetzt kann ich mein "Nachmittagsprogramm" selbst gestalten. Ich freue mich über den Anruf meiner Eltern. Sie fragen: "Was wünscht du dir heute, Kathrin?" „Kiwis und Holundersaft, ach ja, ich bräuchte auch wieder frisch gewaschene Schlafanzüge", ergänze ich meine Wunschliste. Das Warten auf meine Eltern verkürze ich durch Lesen. Obwohl mich die Biographie von Corrie ten Boom sehr fasziniert, muss ich irgendwann eingeschlafen sein. Gut, dass meine Eltern in der Schleuse so viel Lärm machen und mir damit Zeit geben, mich rechtzeitig in einen Stuhl zu setzen und sie munter zu empfangen. Nun werden Neuigkeiten ausgetauscht: Was mein Hund wieder angestellt hat, was es Neues in der Familie gibt, und ich berichte über Untersuchungsergebnisse und Blutwerte. Nebenbei gibt es Gebäck und Tabletten. Viel zu schnell geht der Besuch meiner Eltern vorüber. Sie müssen sich beeilen, weil auf der Autobahn Stau zu erwarten ist. Wie sehr ich mein normales Leben und mein Zuhause vermisse, wird mir jedes Mal nach dem Besuch meiner Eltern besonders deutlich. Ich könnte jetzt stundenlang meinen Gedanken nachhängen, aber ich entschließe mich, bei einer warmen Dusche abzuschalten. Ich lebe hier und jetzt und will mich nicht in eine Traumwelt flüchten. Das habe ich die lange Zeit meines Aufenthaltes hier so gehalten und es fällt mir jetzt um so leichter, weil meine Entlassung absehbar ist. Durch die Badezimmertüre höre ich das Telefon klingeln. Ich schaffe es nicht rechtzeitig bis zum Apparat. Hoffentlich probiert es der Anrufer noch einmal. Und tatsächlich, kaum bin ich frisch geduscht in meinem Bett, ist eine meiner Freundinnen am Apparat. Wir haben uns seit gestern unheimlich viel zu erzählen. Kaum habe ich aufgelegt, klingelt's schon wieder. "Mensch, Kathrin, bei dir ist ja dauern belegt, was redest du eigentlich den ganzen Tag?" beschwert sie sich lachend. Anscheinend hatten wieder einmal alle meine Freunde zur gleichen Zeit den Einfall, mich anzurufen, das ist ja typisch! An einem anderen Tag dagegen warte ich sehnsüchtig auf einen Anruf. Aber ich will ja nicht motzen, was würde ich ohne sie machen? Nach dem Telefonieren komme ich endlich dazu, etwas zu Abend zu essen und - nicht zu vergessen - meine Tabletten zu schlucken. Nach so viel "Äktschen" widme ich mich nun dem ruhigeren Teil des Tages. Schon lange habe ich mir vorgenommen, ein Video anzuschauen. Ich putze mir noch schnell die Zähne und mache mich "bettfertig". Nachdem ich die Kassette in das Gerät geschoben habe, lege ich mich bequem ins Bett. Das Gute an Videos ist, dass man, ohne etwas zu versäumen, ausschalten kann, wenn man müde ist. Heute ist das um halb zehn. Nachdem ich in der Frühe so lange geschlafen habe, konnte ich aus Zeitmangel nicht in der Bibel lesen. Das hole ich jetzt nach. Dann lasse ich den Tag in meinen Gedanken noch einmal vorüberziehen und bin ganz dankbar, dass ich heute kaum Beschwerden hatte und ohne Übelkeit und Erbrechen essen konnte. Ich danke Gott dafür und bitte ihn für den morgigen Tag, dass ich bei der Lumbalpunktion stillhalten und sie dadurch ohne Schmerzen überstehen kann, und dass die weitere Therapie möglichst wenig Nebenwirkungen mit sich bringt. Darüber schlafe ich ein.